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Zu einem Vortrag über einen „fürchterlichen Spektakel“ hatte der Träger- und Förderverein ehemalige Synagoge Obernbreit e.V. den Mitautor der Synagogen-Gedenkbände „Mehr als Steine. . .“ , Pfarrer Hans Schlumberger, in die ehemalige Synagoge eingeladen.

Das Ereignis, antisemitische Übergriffe in Laudenbach im heutigen Landkreis Miltenberg fand 1866 statt. Die Behörden hatten eine Abteilung des Bayerischen Heeres in den Ort gelegt, um Ausschreitungen zu unterbinden. Dort gab es seit Mai mehrere alarmierende Vorfälle: des Nachts machten junge Leute Spektakel vor jüdischen Häusern dort wurden Fenster eingeschlagen und Dächer und Wände beschädigt, die Ernte auf dem Feld eines Juden abgebrannt Als auch verbale Drohungen gegen sie nicht unterbunden wurden, wanden sich die jüdischen Bürger an die Behörden. Die kurzzeitige Präsenz des Militärs auf Kosten der Gemeinde machte dem Spuk schnell ein Ende.

Im Rückblick und mit dem Wissen der Morde an den Juden im 20. Jahrhundert scheint dies eine unbedeutende lokale Episode zu sein. Der Referent sezierte in einem zweistündigen Vortrag auf Grund der guten Dokumentation das Geschehen und legte die Krankheitsherde frei: Die rechtlich-bürgerliche Gleichstellung der Juden brachte den Nichtjuden Nachteile in den dörflichen Gemeinden. So konnte der Gemeinwaldes jetzt von bis zu einem drittel mehr Bürgern genutzt werden, ohne dass der Kuchen größer geworden war. Als der Gemeinderat von Wiesenfeld mit dem Hinweis auf Laudenbach den trickreichen Beschluss fasste. dass den Juden hier nichts passieren werde, wenn sie auf ihre Rechte am Wald verzichteten, machte der Amtmann den Räten klar, dass gleiche Pflichten auch gleiche Rechte für alle Bürger bedeuten. Und sie kuschten.

Pfr. H. Schlumberger beim Vortrag
Pfr. H. Schlumberger. Foto: J. Scherer

In Laudenbach versuchte man zunächst den Spektakel zu ignorieren. Auf Anfrage der Behörden erklärte man, nichts gehört zu haben; als dringender nachgefragt wurde, präsentierte man einen Auswärtigen als Rädelsführer, in internen Ratsprotokollen nannte man die jüdischen Mitbürger frech; im Verkehr mit den Behörden stellte man sie als besonders empfindlich und ängstlich dar. Schließlich „argumentierte“ man, indem man antisemitische Klischees als Fakten darstellte: „Es ist allgemein bekannt, dass … „. Es folgt ein Vorurteil. „Es ist erwiesen, … „. Es folgt ein Vorurteil.

Nirgends zog der Referent historische Parallelen, aber der Eindruck drängte sich unausgesprochen auf. Am Ende wechselte man gar noch von der Täter- in die Opferrolle als für die Einquartierung des Militärs bezahlt werden musste. Dabei waren übrigens die Juden plötzlich gleiche Bürger. Sie durften die Stationierungskosten mitbezahlen.

Trotz der Länge des Vortrags blieb ein Teil der knapp 50 interessierten Zuhörer noch zu weiteren Fragen an den Referenten. Die Letzten verließen die ehemalige Synagoge nach 23.00 Uhr